DAS SAD-GIRL-MANIFEST

Depression ist
Widerstand

Wie fickt man das System? Demos, Kampagnen, Riots, militante Aktionen? Naja, würden wir ja gern. Das Problem ist nur: Wir kommen einfach nicht klar mit unserem Leben. Sind ganztags beschäftigt mit Selbstmitleid, Lethargie und Onlineshopping.

Wir schreiben keine Flugblätter, greifen nicht zum Gewehr. Stattdessen sitzen wir in unserem begehbaren Kleiderschrank und meinen, den gesamten Schmerz der Welt zu empfinden. Klingt wehleidig? Uns doch egal.

Wir haben keinen Bock, uns konstruktiv einzubringen. Lieber machen wir das hundertste Selfie, probieren neue Betäubungsmittel aus dem Darknet oder heulen rum, weil wir mal wieder die ganze Tüte Chips allein leergegessen haben. Zum Arbeiten sind wir zu krank, für die Therapie zu unmotiviert, zum Suizid zu feige. Ach ja, und wir sind schlecht zu ficken. Weil wir uns stets zu hässlich fühlen und beim Sex in Tränen ausbrechen.

In einer Gesellschaft, die auf maximale Produktivität abzielt, ist Nichtstun ein widerständiger Akt. Unsere Existenz ist parasitär: Wir belasten Sozialsysteme, Krankenhäuser und unsere Partner. Wir weigern uns, brave Staatsbürger und produktive Wirtschaftssubjekte zu werden. So bringen wir zwar nicht den großen Umsturz. Aber wir lähmen das System. Wir sind linke Passivistinnen, und wir sind stolz darauf! Unsere Mission: Gegen das Patriarchat anheulen.

 

„Warum seid ihr eigentlich
immer so traurig?“

Ganz einfach: Wir sind die Girls, zu denen ihr uns gemacht habt. Dass Frauen so viel häufiger unter Angst und Depression leiden, hat handfeste Gründe. Schon beim großen Geschlechterklischeepoker haben wir echt die Arschkarte gezogen. Männern wird von Kind an eingebläut, sie seien rationale Macher und könnten gut mit Zahlen. Wir Frauen seien hingegen: fragil, hübsch, ständig von Gefühlen geleitet. Schon die antiken Gelehrten machten die „wandernde Gebärmutter“ für seelische Gebrechen verantwortlich. Daran glaubt offiziell keiner mehr. Doch die Rollenbilder hallen in uns nach.

Man bringt uns bei: „In jedem von euch schlummert so viel Potential. Wenn ihr euch nur anstrengt, dann könnt (und müsst) ihr Großes vollbringen. Und wenn ihr scheitert: selber schuld!“ Schlank und sexy sollen wir sein, ehrgeizig und passioniert, unabhängig und stark, achtsam und ausgeglichen. Oberschenkellücke und Bikini Bridge. Authentisch wirken, ganz ohne Makeup, aber faltenfrei. Auch mal Überstunden machen, für den eigenen Traum natürlich. Und nach Feierabend dem Gatten das schmutzige Geschirr hinterherräumen. Und bei all dem: bitte lächeln!

Kurzum: In unserer ach-so-freien Gesellschaft werden wir mit Erwartungen überhäuft, die in ihrer Summe überhaupt nicht lösbar sind. Wir traurigen Mädchen rennen einer unlösbaren Mission hinterher.

Eigentlich sollte es uns ja fantastisch gehen! Wir sind mitteleuropäische Wohlstandsbrut, Privilegienmuschis in Vollendung, weiß, cis, hübsch, aus gutem Hause. Wir spielen das Spiel mit, befolgen die Regeln. Wir nehmen alles mit, was der Kapitalismus uns anbietet: neuestes iPhone, extrastarker Vibrator, diese coole verruchte Vintage-Wildlederjacke. Wir haben genug Kohle, um all unsere Wünsche wahr werden zu lassen. Und trotzdem fühlt sich alles bäh an. Denn ein Happyend war nie vorgesehen.

 

Wir reproduzieren,
um vorzuführen

Wir wissen um unsere eigene Lächerlichkeit. Andere kriegen es doch auch hin, was ist falsch mit uns? Die kurdischen Frauenmilizen der YPJ haben mit dazu beigetragen, dem IS in den Arsch zu ficken. Währenddessen kriegen wir es nicht mal gebacken, morgens aus dem Bett zu kommen. Einen kleinen, bescheidenen Beitrag zum Ende der Gesamtscheiße können wir aber dennoch leisten:

Am Sad Girl zeigen sich die Bruchstellen des Systems. Sieh uns als fleischgewordene Ideologiekritik: Wir zeigen auf, wo sich der herrschende Zeitgeist in Widersprüchen verfängt. Und dazu ist es manchmal notwendig, dass wir, die Fangirls des amerikanischen Traums, kotzend und heulend über der Kloschüssel hängen und die Fotos davon dann mit Retro-Filter auf Instagram posten. Nur so überführen wir das neoliberale Glücksversprechen der Lüge. Amen, Bitches.